Macht VoIP TK-Mitarbeiter zu Heizern auf der Diesellok?
Den angekündigten Abbau von etwa 20.000 Stellen bei der Festnetzsparte der Telekom hat Telekom-Festnetzvorstand Walter Raizner mit der Aufrüstung der Telekom-Netzinfrastruktur auf das so genannte “Next Generation Network” begründet. Diese neue Technologie senke den technischen Wartungs- und Verwaltungsaufwand für die Infrastruktur drastisch und mache bestimmte Tätigkeiten überflüssig, laut Raizner so überflüssig wie Heizer auf der Diesellok. In vielen anderen Unternehmen sorgen Voice-over-IP-Technologien für einen ähnlichen Trend. Auch hier versprechen IP-basierte TK-Anlagen deutliche Kosteneinsparungen bei der Wartung und auch bei so genannten MACs (Moves, Adds, Changes), wie der Berlecon-Report “Voice over IP für Unternehmen” zeigt. Es müssen etwa bei einem Umzug eines Mitarbeiters keine Telefonleitungen mehr neu geschaltet werden, keine Telefone von Technikern angeschlossen und keine kryptischen Befehle in TK-Anlagen eingegeben werden. Telefon am alten Ort ausstöpseln, am neuen einstöpseln und bestenfalls noch einige wenige Änderungen per Webformular eingeben. So einfach sieht die Telekommunikation der Zukunft zumindest in den Broschüren der VoIP-Anbieter aus. Auch in den Unternehmen werden also mittelfristig zahlreiche technisch orientierte Arbeitsplätze der TK-Abteilungen wegfallen, wenn nicht sogar die ganze Abteilung. Viele TK-Mitarbeiter reagieren darauf, indem sie sich mit der VoiP-Technologie vertraut machen und die neue Welt zu verstehen versuchen. Technologienahe Zeitschriften und Veranstaltungen befriedigen diese Nachfrage durch Abdeckung von Themen wie die Vor- und Nachteile bestimmter Codecs zur Umwandlung der Sprache in digitale Daten, gerade noch akzeptable Latency-Werte, also Verzögerungen bei der Datenübertragung, oder Strategien zur Bekämpfung von Spit (Spam over IP Technology). Auf dieser Basis lässt sich dann wunderbar darüber fachsimpeln, welche Technologie unter welchen Voraussetzungen die bessere ist. So naheliegend diese Art von Weiterbildung ist – sie wird häufig nicht reichen, um den eigenen Arbeitsplatz abzusichern. Denn ein Versprechen von IP-Telefonie ist, dass die Anwenderunternehmen sich weniger im Detail mit der Technologie auseinandersetzen müssen als bisher, auch wenn die genutzte Technologie insgesamt komplexer ist. Technologische Basisentscheidungen wie die Wahl von Codecs werden mittelfristig nicht von den Anwenderunternehmen getroffen sondern von den Anbietern – schließlich schrauben auch die wenigsten Unternehmen noch selbst ihre PCs zusammen. Gefragt sind also weniger technische Detailkenntnisse als betriebswirtschaftliches Know-how. Denn viele Anwenderunternehmen wird in den nächsten Jahren die schrittweise Migration zu VoIP beschäftigen, die zahlreiche Fragen aufwirft: Welche Migrationsstrategien gibt es? Welche Vor- und Nachteile von VoIP sind für das eigene Unternehmen relevant? Wie realistisch sind bestimmte Anbieterversprechen, etwa zu Kosteneinsparungen und zur Integration von Telefonie und Unternehmensanwendungen? Welche Vorteile lassen sich auch durch ein Aufrüsten der traditionellen TK-Systeme erreichen? Wie sieht dann die Kosten-Nutzen-Rechnung aus? Worauf muss bei der Auswahl von Anbietern geachtet werden? Wer sich das Wissen aneignet, solche betriebswirtschaftlichen Fragen mit technologischem Hintergrund beantworten zu können, der hat auch Chancen, von dem anstehenden Technologiewechsel zu VoIP auch persönlich zu profitieren. Schließlich muss ja irgendjemand auch die Migrationsprojekte aufsetzen und leiten und kann sich dadurch für weitere Projekte empfehlen. Und mal ganz ehrlich: Der Job des Lokführers ist doch am Ende viel interessanter als der des Heizers – Diesellok hin oder her.
http://weblog.berlecon.de/archives/2005/11/26/macht-voip-tk-mitarbeiter-zu-heizern-auf-der-diesellok/
